Die Kanarischen Inseln sind kein großes Weinbaugebiet im klassischen Sinn. Wer an Spanien und Wein denkt, hat meist Regionen wie Rioja, Ribera del Duero, Rueda oder Priorat im Kopf. Die Kanaren spielen mengenmäßig in einer ganz anderen Liga. Trotzdem – oder gerade deshalb – ist der Weinbau auf den Inseln besonders spannend.
Auf den Kanaren geht es nicht um riesige, maschinell bewirtschaftete Rebflächen. Viele Weinberge liegen an steilen Hängen, auf alten Terrassen, in vulkanischen Böden oder in trockenen Lagen, in denen jede Rebe ein kleines Überlebenskunststück vollbringt. Die Erträge sind oft niedrig, die Arbeit ist mühsam und vieles wird noch von kleinen Familienbetrieben, Nebenerwerbswinzern und lokalen Bodegas getragen.
Für das Jahr 2024 meldet das kanarische Statistikamt ISTAC eine gesamte kultivierte landwirtschaftliche Fläche von 39.636,7 Hektar auf den Kanaren. Davon entfielen 8.158,2 Hektar auf Viñedo, also Weinbauflächen. Damit ist der Weinbau nach der Banane einer der flächenmäßig wichtigsten Kulturbereiche der Inseln. Allerdings bedeutet „Fläche“ nicht automatisch hohe Produktion: Gerade beim kanarischen Weinbau sind viele Flächen kleinteilig, teilweise schwer zugänglich und oft mit sehr niedrigen Erträgen verbunden.
Wichtig ist außerdem die Unterscheidung zwischen verschiedenen Statistiken. Die ISTAC-Zahlen zur „Uvas de vinificación“ erfassen die geernteten Keltertrauben insgesamt. Die Zahlen der Denominaciones de Origen Protegidas, also der D.O.P.-Gebiete, beziehen sich dagegen nur auf Trauben, die innerhalb der geschützten Herkunftsbezeichnungen kontrolliert und verarbeitet werden. Deshalb können beide Werte deutlich voneinander abweichen.

Weinbau auf den Kanaren: Gesamtfläche und Produktion 2024
Nach den veröffentlichten ISTAC-Daten wurden 2024 auf den Kanaren insgesamt 10.818,5 Tonnen Keltertrauben geerntet. Das entspricht 10.818.500 kg Uvas de vinificación. Der größte Teil stammt von Teneriffa, gefolgt von Lanzarote und La Palma. Gran Canaria liegt mengenmäßig deutlich darunter, hat aber wegen seiner Mikroklimata, Höhenlagen und kleinen Bodegas eine besonders interessante Weinlandschaft.
Die folgende Tabelle zeigt die wichtigsten Daten für 2024. Die Literangabe ist eine rechnerische Schätzung. Als Faustwert wurde mit 0,70 Liter Wein pro kg Trauben gerechnet. Je nach D.O.P.-Regelwerk, Pressung, Weinstil und Ausbau kann die tatsächliche Menge abweichen. Die Tabelle eignet sich daher gut für einen Vergleich der Größenordnungen, nicht als exakte Kellerbuchhaltung.
| Insel | Weinbaufläche 2024 | Fläche in Produktion | Keltertrauben 2024 | geschätzte Weinmenge | Ertrag kg/ha |
|---|---|---|---|---|---|
| Kanaren gesamt | 8.156,2 ha | 7.993,9 ha | 10.818.500 kg | ca. 7.573.000 l | 1.353 |
| Teneriffa | 3.418,7 ha | 3.379,5 ha | 6.364.900 kg | ca. 4.455.400 l | 1.884 |
| Lanzarote | 2.929,7 ha | 2.875,2 ha | 2.104.700 kg | ca. 1.473.300 l | 732 |
| La Palma | 1.089,7 ha | 1.029,0 ha | 1.526.500 kg | ca. 1.068.600 l | 1.483 |
| El Hierro | 276,7 ha | 274,7 ha | 328.500 kg | ca. 230.000 l | 1.196 |
| Gran Canaria | 232,1 ha | 230,2 ha | 291.900 kg | ca. 204.300 l | 1.268 |
| La Gomera | 175,1 ha | 174,7 ha | 144.600 kg | ca. 101.200 l | 828 |
| Fuerteventura | 34,2 ha | 30,6 ha | 57.400 kg | ca. 40.200 l | 1.876 |
Tabelle: Trockenfeldbau und Bewässerung
| Insel | Trockenfeld-Anbau | bewässert | Anteil Trockenfeldbau |
|---|---|---|---|
| Kanaren gesamt | 5.781,0 ha | 2.375,2 ha | ca. 70,9 % |
| Teneriffa | 2.046,3 ha | 1.372,4 ha | ca. 59,9 % |
| Lanzarote | 2.451,0 ha | 478,7 ha | ca. 83,7 % |
| La Palma | 821,6 ha | 268,1 ha | ca. 75,4 % |
| El Hierro | 259,0 ha | 17,7 ha | ca. 93,6 % |
| Gran Canaria | 46,1 ha | 186,0 ha | ca. 19,9 % |
| La Gomera | 154,5 ha | 20,6 ha | ca. 88,2 % |
| Fuerteventura | 2,5 ha | 31,7 ha | ca. 7,3 % |
Was zeigen diese Zahlen?
Die Tabelle zeigt sehr klar: Der kanarische Weinbau ist extrem ungleich verteilt. Teneriffa ist mit Abstand die wichtigste Weininsel des Archipels. Fast 59 % der kanarischen Keltertrauben kamen 2024 von Teneriffa. Das ist wenig überraschend, denn Teneriffa besitzt mehrere traditionsreiche D.O.P.-Gebiete, unterschiedliche Höhenstufen und eine lange Weinbautradition.
Lanzarote liegt bei der Traubenmenge an zweiter Stelle. Das ist bemerkenswert, weil der Weinbau dort unter extrem trockenen Bedingungen stattfindet. Die berühmte Landschaft von La Geria zeigt sehr eindrucksvoll, wie speziell der kanarische Weinbau sein kann: Reben in Vulkanasche, oft einzeln in Mulden gepflanzt, geschützt durch kleine Steinmauern gegen Wind und Austrocknung. Viel Fläche bedeutet hier nicht automatisch hohe Erträge.
La Palma ist ebenfalls ein wichtiges Weinbaugebiet. Die Insel besitzt eine lange Tradition mit Malvasía, Negramoll, Listán Blanco und anderen kanarischen Sorten. Die Ernte 2024 war jedoch, wie auf mehreren Inseln, stark von klimatischen Problemen geprägt. Trockenheit, Hitze und fehlende Kältestunden machten vielen Weinbergen zu schaffen.
Gran Canaria spielt mengenmäßig eine kleinere Rolle. Die 291.900 kg Keltertrauben laut ISTAC sind im Vergleich zu Teneriffa oder Lanzarote wenig. Genau das macht den Weinbau auf Gran Canaria aber interessant: Die Insel ist kein Massenproduzent, sondern ein kleinteiliges Weinbaugebiet mit sehr unterschiedlichen Lagen. Wein findet man hier unter anderem im Bereich Monte Lentiscal, Santa Brígida, San Mateo, Telde, Tirajana und Agaete.
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Gran Canaria: kleine Mengen, aber große Vielfalt
Für Gran Canaria meldete die D.O.P. Vinos de Gran Canaria für die Ernte 2024 eine kontrollierte D.O.-Traubenmenge von 196.690 kg. Davon entfielen 86.829 kg auf weiße Sorten und 109.860 kg auf rote Sorten. An der Kampagne nahmen 85 Viticultores und 34 Bodegas teil.
Diese D.O.-Zahl liegt unter der ISTAC-Zahl von 291.900 kg für die gesamte Keltertraubenernte der Insel. Das ist logisch, denn nicht alle geernteten Trauben laufen zwangsläufig über die D.O.P.-Kontrolle. Ein Teil kann außerhalb der D.O.P., für Eigenverbrauch, lokale Vermarktung oder andere Zwecke verwendet werden.
Gerade für Gran Canaria ist diese Unterscheidung wichtig. Die Insel hat viele kleine Parzellen, Nebenerwerbswinzer und sehr unterschiedliche Weinlagen. Während einige Bodegas professionell vermarkten und regelmäßig Flaschen in den Handel bringen, bleibt ein Teil des Weinbaus sehr lokal geprägt.
D.O.P.-Produktion: Qualitätswein unter Herkunftsschutz
Neben der gesamten Traubenstatistik gibt es die Daten der geschützten Herkunftsbezeichnungen. Für 2024 wurden auf den Kanaren nach Angaben der kanarischen Regierung 6,16 Millionen kg D.O.P.-Trauben für Qualitätswein geerntet. 2025 sank diese Menge auf 4,84 Millionen kg, also um etwa 27 %. Das zeigt, wie stark der Weinbau auf den Kanaren von Klima, Niederschlag und Extremwetter abhängig ist.
Die Differenz zwischen der ISTAC-Gesamternte und der D.O.P.-Ernte ist kein Fehler, sondern eine Frage der Abgrenzung:
- ISTAC: gesamte geerntete Keltertraubenmenge
- D.O.P.: kontrollierte Trauben für Weine mit geschützter Herkunftsbezeichnung
- Liter Wein: abhängig von Pressausbeute, Regelwerk und Ausbau
Deshalb sollte man bei kanarischen Weinzahlen immer fragen: Geht es um Rebfläche, Traubenmenge, D.O.P.-Trauben, erzeugten Wein, abgefüllten Wein oder verkaufte Flaschen? Das klingt nach Statistik-Schach, ist aber wichtig – sonst steht die Dame plötzlich auf dem falschen Feld.

Weißwein, Rotwein und Rosé
Für alle Inseln liegt nicht immer eine einheitlich veröffentlichte Aufteilung nach Weiß, Rot und Rosé vor. Für Gran Canaria ist die Aufteilung der D.O.P.-Ernte 2024 jedoch gut dokumentiert:
Rosé wird in den Statistiken meist nicht als eigene Traubenkategorie geführt, weil Rosé in der Regel aus roten Trauben hergestellt wird. Die Unterscheidung erfolgt daher später im Keller bzw. beim fertigen Weintyp, nicht zwingend schon bei der Traubenstatistik.
| Gebiet / Quelle | Gesamtmenge | Weiß | Rot | Sonstige / nicht eindeutig | Hinweis |
|---|---|---|---|---|---|
| Gran Canaria D.O.P. 2024 | 196.690 kg | 86.829 kg | 109.860 kg | — | Offizielle D.O.P.-Erntemenge, nicht identisch mit ISTAC-Gesamternte. |
| Lanzarote D.O.P. 2024 | 1.380.245 kg | ca. 1.179.200 kg | ca. 188.810 kg | 12.235 kg „Otras“ | Nach Sortenstatistik der D.O.P. Lanzarote gerechnet. |
Warum schwankt die Weinproduktion auf den Kanaren so stark?
Die kanarische Weinproduktion schwankt deutlich von Jahr zu Jahr. Dafür gibt es mehrere Gründe:
Erstens ist der Weinbau auf vielen Inseln stark vom Regen abhängig. Viele Weinberge sind Trockenanbau oder nur begrenzt bewässert. Wenn der Winter zu trocken ist, fehlt der Rebe die Grundlage für eine gute Entwicklung.
Zweitens spielen die Temperaturen eine große Rolle. Fehlende Kältestunden im Winter, frühe Hitzeperioden, Calima und lange Trockenphasen können Blüte, Fruchtansatz und Reife beeinflussen.
Drittens sind viele Flächen kleinteilig und arbeitsintensiv. Das macht den Weinbau landschaftlich schön, aber wirtschaftlich schwierig. Wenn Aufwand und Ertrag nicht mehr zusammenpassen, werden manche Weinberge nur eingeschränkt gepflegt oder ganz aufgegeben.
Viertens sind die Inseln sehr unterschiedlich. Ein trockener Weinberg auf Lanzarote ist mit einer feuchteren Nordlage auf Teneriffa oder einer Höhenlage auf Gran Canaria kaum zu vergleichen. Genau diese Vielfalt macht kanarische Weine spannend, erschwert aber einfache Durchschnittswerte.
Fazit: Kanarischer Wein ist klein, vielfältig und stark von der Landschaft geprägt
Die Zahlen für 2024 zeigen: Der Weinbau auf den Kanaren ist mengenmäßig überschaubar, aber kulturell und landschaftlich sehr bedeutend. Teneriffa dominiert die Produktion, Lanzarote beeindruckt mit seinen extremen Vulkanlandschaften, La Palma besitzt eine starke Weintradition, und Gran Canaria zeigt auf kleiner Fläche eine erstaunliche Vielfalt.
Wer kanarischen Wein verstehen möchte, sollte deshalb nicht nur auf Liter und Flaschen schauen. Wichtiger sind die Landschaften dahinter: Terrassen, Vulkanböden, Passatwolken, Trockenmauern, alte Rebsorten und kleine Bodegas. Der kanarische Wein ist kein industrielles Massenprodukt, sondern ein Stück Kulturlandschaft im Glas.
Quellen und Hinweise
Die Flächen- und Produktionsdaten stammen überwiegend aus der „Estadística Anual de Superficies y Producciones de Cultivos“ des Instituto Canario de Estadística, kurz ISTAC, sowie aus Veröffentlichungen der kanarischen Regierung und der D.O.P. Vinos de Gran Canaria. Die Literangaben in der Tabelle sind rechnerische Näherungswerte auf Basis der Traubenmenge und ersetzen keine offiziellen Keller- oder D.O.P.-Produktionsdaten.